Die Wolkenhöhlen-Bibliothek
| Englischer Name | Cloudscape / Wormhole Library, Haikou |
| Chinesisch | 云洞图书馆 kopierenYúndòng Túshūguǎn |
| Ziel | 海口云洞图书馆 kopierenBibliothek — als Ziel eingeben |
| Beste Zeit | Ab ca. 16:00 bis Sonnenuntergang · danach Century Bridge zur blauen Stunde |
| Bus | Liegt im Century Park am Ufer der Bucht — in Amap die nächste Haltestelle prüfen. |
| Didi | Vom InterContinental auf Haidian Island wenige Minuten, auch zu Fuß über die Century Bridge erreichbar. |
| Route live | |
| Eintritt | Kostenlos, Reservierung Pflicht (WeChat, bis 7 Tage vorher, ab 0 Uhr) |
| Tickets | Auf Trip.com buchen ↗Affiliate-Link* |
| Architekt | Ma Yansong / MAD, eröffnet 2021 |
| Fläche | knapp 1.400 m² |
| Bücher | rund 10.000 |
| Plätze | etwa 500 Besucher pro Tag |
Ein Gebäude ohne gerade Linie
Am Ufer der Bucht von Haikou, nur etwa hundert Meter westlich der Century Bridge, liegt ein weißes Gebäude, das aussieht, als hätte das Meer es angespült. Wände, Boden und Decke gehen ineinander über, überall öffnen sich runde Löcher, und nirgends findet das Auge eine Kante. Die Einheimischen haben ihm Spitznamen gegeben: Manche sehen einen Delfin, der aus dem Wasser springt, andere einen Gummischuh mit Löchern.
Offiziell heißt es „Wolkenhöhlen-Bibliothek“, auf Englisch „Wormhole Library“ oder „Cloudscape“. Es wurde im Frühjahr 2021 eröffnet und ist seitdem eines der meistfotografierten Gebäude der Insel.
Der Architekt Ma Yansong
Entworfen hat es Ma Yansong mit seinem Büro MAD aus Peking, einer der international bekanntesten Architekten Chinas. Bekannt wurde er 2006 mit zwei geschwungenen Wohntürmen in Kanada, die man wegen ihrer Form nach Marilyn Monroe benannte. Später baute er das Opernhaus in Harbin, das aussieht wie eine Schneelandschaft, und entwarf das Museum des Filmemachers George Lucas in Los Angeles.
Seine Handschrift sind fließende, organische Formen, die an Landschaften erinnern. In Haikou ist diese Idee auf kleinem Raum konzentriert: Die Bibliothek hat nur knapp 1.400 Quadratmeter Fläche, wirkt aber wie eine eigene kleine Welt.
Beton in einem Guss
Das Besondere ist die Bauweise. Das Gebäude wurde innen und außen in einem Stück aus Sichtbeton gegossen, Wände, Böden, Decken und sogar Teile der Möbel in einer einzigen Form. Eine auf solchen Beton spezialisierte Baufirma brauchte dafür aufwendige Schalungen, denn jede Wölbung ist anders.
Ma Yansong sagte dazu sinngemäß, Sichtbeton gelte gewöhnlich als kalt, hart und kantig. Er wolle ihn neu denken — fließend, weich und wandelbar, wie das Meer daneben. Tatsächlich wirkt das Material hier fast wie Sand oder Stoff.
Die Wolkenhöhlen
Die vielen Öffnungen sind nicht nur schön. Sie lassen Licht tief ins Innere, und sie sorgen im feuchtheißen Klima für Durchzug und frische Luft vom Meer. Dazu kommt ein überdachter Umgang, der Schatten spendet und Spaziergänger zum Verweilen einlädt.
Ma Yansong verglich die Löcher mit Ohren, mit denen das Gebäude dem Meer zuhört. Für Besucher sind sie vor allem Bilderrahmen: Durch jede Öffnung sieht man ein anderes Stück Himmel, Meer oder Brücke. Am späten Nachmittag fällt das Licht schräg durch die Löcher und wandert als heller Fleck über den Beton.
Bibliothek und Raststätte zugleich
Das Gebäude hat zwei Teile. Im südlichen liegt die eigentliche Bibliothek mit Platz für rund zehntausend Bücher, Leseplätzen und einem Raum für Filme und Veranstaltungen — alles frei zugänglich. Im nördlichen Teil liegt etwas sehr Praktisches: ein Café, öffentliche Toiletten, Duschen, ein Raum für Mütter mit Babys, Sitzplätze und ein Dachgarten.
Das ist kein Zufall. Die Bibliothek ist zugleich eine Raststätte für alle, die an der Uferpromenade spazieren, joggen oder baden. Die Idee dahinter: Ein öffentliches Gebäude soll nicht nur schön sein, sondern im Alltag gebraucht werden.
Eine Perlenkette am Meer
Die Bibliothek ist der Auftakt eines größeren Plans. Haikou lässt entlang seiner Küste eine Reihe kleiner Pavillons von bekannten Architekten bauen, „Raststätten am Meer“. Jede soll anders aussehen und etwas Öffentliches bieten: Lesen, Ausruhen, Aussicht. Ein weiterer Pavillon, der „Berg des Himmels“, ist ebenfalls kostenlos und täglich geöffnet.
Wer mag, kann an einem Abend mehrere davon entlang der Promenade verbinden. Zusammen erzählen sie, wie sich Haikou sehen möchte: als moderne Küstenstadt, nicht nur als Durchgangsstation auf dem Weg nach Sanya.
Warum eine Stadt so etwas baut
Hinter dem Gebäude steht auch Stadtmarketing. Die britische Zeitung The Times zählte die Bibliothek schon vor der Eröffnung zu den am meisten erwarteten Bauwerken des Jahres 2021. Fotos davon gingen um die Welt, und seitdem kommen Besucher aus ganz China, um sich vor den Löchern fotografieren zu lassen.
Man kann das oberflächlich finden. Man kann aber auch sehen, dass hier eine Stadt eines ihrer schönsten Grundstücke am Meer nicht für ein Hotel, sondern für ein kostenloses öffentliches Gebäude genutzt hat. Das ist in China, wie überall, keine Selbstverständlichkeit.
Buchen um Mitternacht
Der Eintritt ist frei, aber man muss vorher reservieren, und die Plätze sind begrenzt: Pro Tag dürfen rund fünfhundert Besucher hinein. Gebucht wird über den WeChat-Kanal der Bibliothek, bis zu sieben Tage im Voraus, und die Buchung für einen Tag öffnet um Mitternacht. An Wochenenden sind die Plätze oft in wenigen Minuten weg.
Mit ausländischem Pass klappt die Buchung nicht immer reibungslos. Am besten bittet man die Hotelrezeption, die Reservierung ein paar Tage vorher zu übernehmen. Wer keinen Platz bekommt, kann das Gebäude trotzdem von außen und vom Umgang aus erleben.
Wie man den Besuch angeht
Die beste Zeit ist der späte Nachmittag, wenn das Licht durch die Öffnungen fällt. Danach geht man die wenigen Schritte zur Century Bridge und erlebt dort die blaue Stunde über der Bucht.
Und man sollte sich Zeit nehmen. Viele Besucher kommen nur für ein Foto und sind nach zehn Minuten wieder weg. Wer sich mit einem Buch in eine der Nischen setzt und dem Meer zuhört, versteht, was der Architekt gemeint hat.
Unser Eindruck folgt nach dem Besuch — geplant am 27.11.2026.